Mandat Wachstums-Wochenstart Nr. 733: Noch nicht erlebt
Je älter und je erfahrener man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Situationen schon einmal erlebt hat. Da ich viel unterwegs bin, in vielen verschiedenen „Settings“, wie man so schön sagt, habe ich das Privileg, dass ich immer wieder Situationen erlebe, die ich zuvor noch nicht erlebt hatte – manchmal unerfreuliche, gern erfreuliche, oft überraschende Situationen.
In der vergangenen Woche hatte ich wieder einmal dieses „noch nicht erlebt“-Erlebnis. Wollen Sie teilhaben?
Okay: Stellen Sie sich ein Abendessen mit etwa 20 Unternehmern, Geschäftsführern, Vorständen vor. Ein rechteckiger Tisch, etwa 10 Personen an jeder Seite. Einige von uns kannten sich bereits, andere waren einander unbekannt. Ich saß zwei Unternehmerinnen gegenüber, von denen ich eine bereits kannte, die andere nicht. Rechts neben mir ein mir gut bekannter Vorstand, links von mir ein Unternehmer. Es entstand eine rege Unterhaltung.
Als sich das Gespräch mit derjenigen der beiden Unternehmerinnen vertiefte, die ich noch nicht kannte – wie es so ist, wendet man sich im Verlauf eines solchen Abends ja mehreren Gesprächspartnern zu –, irritierte mich etwas, das ich zunächst gar nicht einordnen konnte. Irgendwann merkte ich aber, was es war: Mein linker Nachbar nahm dergestalt an der Unterhaltung teil, dass er auf meine Fragen an die Unternehmerin antwortete.
Das ging ungefähr so – anonymisiert: Ich: „Und wie halten Sie dann im Wettbewerb Stand?“ – mit Blickkontakt zur Unternehmerin. Bevor diese ansetzen konnte, mein linker Nachbar: „Na, da muss man ja [dies und jenes tun]“. „Wie gestalten Sie die Ausbildung in Ihrem Hause?“ (mit Blickkontakt zur Unternehmerin). Mein linker Nachbar: „Ausbildung ist ja heute … [blablabla]“.
Mein linker Nachbar stellt der Unternehmerin nicht eine Frage. Mir übrigens auch nicht. Er antwortete stets auf Fragen, die ihm gar nicht gestellt wurden und an deren Antwort ich aus seiner Sicht in dem Moment auch gar nicht interessiert war.
Irgendwann, als mein linker Nachbar sich mehr mit seinem Smartphone (beim Dinner!) und seinen weiteren Nachbarn beschäftigte, kam das Gespräch besser in Fluss. Die Unternehmerin und ich unterhielten uns sehr gut, sie hatte sehr viel Interessantes zu erzählen.
Haben Sie das schon mal erlebt? Ich nicht. Nicht in der Form. Dass es immer wieder Menschen gibt, die sich besonders hervortun wollen, dass es mehr Menschen gibt, die viel reden, weniger, die gut zuhören, das ist ja alles bekannt, aber dass jemand Fragen (unzureichend) beantwortet, die ihm gar nicht gestellt wurden, das war mir neu. Das habe ich noch nicht erlebt.
Im Übrigen blickten meine beiden Gegenüber und ich uns vielsagend an, als mein Nachbar dann irgendwann das Smartphone zückte. Kein Wort. Es war alles „gesagt“.
Zuhören, fragen, interessiert sein, sich benehmen können. Es sind Eigenschaften, die gar nicht überbewertet werden können.
Auf eine gute Woche!
Ihr und Euer
Guido Quelle
