Mandat Wachstums Wochenstart Nr. 675: Die Tage werden langsamer länger

Haben Sie es gemerkt? Nein, sie haben es nicht gemerkt: Die Tage werden langsamer länger. Vielleicht haben sie es mit Blick auf den Kalender im Sinn, vielleicht haben sie es durch das mehr oder weniger regelmäßige Betrachten der Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeiten im Blick, aber gemerkt werden sie es nicht haben. Der kalendarische Frühlingsanfang ist der Tag, nach dem sich der Zuwachs an Tageshelligkeit reduziert. Die Tage werden weiterhin länger, aber langsamer als zuvor.

Mathematisch gesehen handelt es sich um den Wendepunkt auf der Parabel. Der Wendepunkt kennzeichnet den Punkt der höchsten Steigung. Danach flacht die Steigung ab. Es findet also weiterhin Wachstum statt, aber das Wachstum erfolgt langsamer als zuvor.

Damit sind wir auch bereits mitten im Thema „Wachstum“: Typische Wachstumskurven verlaufen so wie die Kurven der Tageslängen. Sie verlaufen parabelförmig und wir sind gehalten, das zu tun, was in der Natur mit der Tageslänge nicht möglich ist, nämlich die Kurve zu beeinflussen. Dazu müssen wir wissen, wo wir stehen, welchen Punkt wir auf der Kurve gerade einnehmen und vor allem müssen wir eine Sensibilität dafür entwickeln, dass wir eine Veränderung nicht unbedingt sofort bemerken. Ähnlich wie bei der geringer werdenden Zunahme der Tageslänge stellen wir nicht unmittelbar fest, wann sich ein geringeres Wachstum einstellt. Ja, wir können mit Kennzahlensystemen arbeiten, aber wir wissen ja nicht, ob diese Momentaufnahme, die das Kennzahlensystem uns eröffnet, ein Trend ist oder ob es sich eben um eine Momentaufnahme handelt.

Abgesehen davon, dass systemisches Denken und exponentielles Denken in der Schule nicht und an der Hochschule wenig gelehrt wird, wir also wenig Verständnis für dieses System- und exponentielle Denken haben – man erinnere sich an die Pandemie –, brauchen wir auch ein Gefühl dafür, eine sensibilisierte Wahrnehmung dafür, wann das Wachstum geringer wird, um einwirken zu können und die Kurve positiv zu verändern.

Überdies ist der Wendepunkt, also der Punkt der höchsten Steigung, der ideale Zeitpunkt, über Innovationen nachzudenken und diese zu starten, auch wenn zu diesem Zeitpunkt bereits sehr hohe Auslastung herrscht und der Betrieb hinreichend beschäftigt ist. Schließlich müssen wir uns vor Augen führen, dass eine Innovation nicht im Nu entwickelt und schon gar nicht am Markt erfolgreich platziert ist.

Wie ist es bei Ihnen? Wie ist es um das Systemverständnis bestellt? Wie ist es um das Bewusstsein bestellt, an welchem Punkt der Wachstumskurven sie sich befinden? Wie ist es darum bestellt, dass wahrgenommen wird, wie sich das Wachstum entwickelt? Zahlreiche unserer Beratungsmandate drehen sich aktuell um diesen Punkt.

Und jetzt: genießen Sie die immer noch länger werdenden Tage.

Auf eine gute Woche
Ihr und Euer

Guido Quelle

Mandat Wachstums Wochenstart Nr. 674: Die Wirkung eines Vortrags

Neulich, in einer virtuellen Sitzung: Ein Fachbereichsleiter präsentierte neue Analysen, Vorgehensweisen und Strategien für den Vertrieb der Produkte des Unternehmens. War die inhaltliche Darstellung durchaus mit vielen Neuigkeiten und auch nachvollziehbar guten Wegen und Schritten versehen, schmälerte der Vortragende die Wirkung seines Vortrags unnötigerweise selbst.

 

Wie? Indem er sich fortwährend selbst bestätigte. Sie kennen das sicher: jemand erläutert in einer Präsentation die Inhalte einer Folie (dass man heute immer noch „Folie“ sagt, amüsiert mich immer wieder) und dann kommt etwas wie „… Damit haben wir die notwendigen Voraussetzungen geschaffen…. Genau … Top!…“ – Es folgen dann weitere Ausführungen, gegebenenfalls die Inhalte einer neuen Folie. Die Zeit, die für „genau“, „top!“ Oder – auch gern genommen – „super“, wohlgemerkt vom Vortragenden, aufgewendet wird, ist in Wahrheit Denkzeit. Der Vortragende bestätigt sich selbst, während er den nächsten Anknüpfungspunkt sucht oder darüber nachdenkt, was er als Nächstes sagen soll.

 

Solche Füllsel schwächen den Vortrag. Ich wiederhole: solche Füllsel schwächen den Vortrag. Deswegen sind auch gelegentliche Audio- oder Videoaufzeichnungen wichtig, denn sie ermöglichen die Korrektur solcher Unnötigkeiten. Niemand ist perfekt, aber Füllwörter kann man sich wunderbar abgewöhnen. Dieses ganz einfach: man nutzt sie einfach nicht. Abwandlungen davon sind Ausführungen dazu, was man als Nächstes tut. „Ich gehe jetzt mal auf die nächste Folie“, „ich muss mal eben die Ansicht vergrößern“, „das ist jetzt nicht so relevant, das überspringen wir“ sind ebenfalls Wirkungskiller.

 

Eine dritte Abwandlung sind Bandwurmsätze, die – täglich beobachtbar – von Politikern in Interviews mit Journalisten gebaut werden. Dazu wird das verbindende „und“ genutzt. Sätze, die eigentlich beendet werden sollten, werden mit einem „und“ verbunden, um vermeintlich den Punkt machen zu können und nicht unterbrochen zu werden. In Tat und Wahrheit wird der Satz vollkommen unübersichtlich, und niemand weiß am Ende mehr, was am Anfang gesagt wurde. Ich weiß nicht, ob das im politischen Alltag so trainiert wird, jedenfalls ist die Bandwurmsatz-Technik dazu geeignet, die Wirksamkeit eines Vortrags oder eines Satzes oder einer Position zu verwässern.

 

Es stellt sich wieder einmal die Frage: wie bekommen wir jetzt die Kurve zu Wachstum? Das ist recht leicht, denn wenn wir wachsen wollen, dann brauchen wir dazu Präzision. Wir brauchen ein präzises Leistungsangebot, wir brauchen eine präzise Strategie, wir müssen unsere Vorteile präzise kommunizieren können und wir haben als Unternehmenslenker die Aufgabe, der Mannschaft präzise zu vermitteln, was wir von ihr erwarten – ebenso ist die Mannschaft gefordert, präzise rückkoppeln zu können, was im Unternehmen funktioniert und was nicht und was ihr Plan ist. Wir brauchen eine wirksame Kommunikation und Wirksamkeit entsteht nicht dadurch, dass wir andere durch Füllwörter oder Bandwurmsätze daran teilhaben lassen, auf welche Weise wir unsere Gedanken ordnen.

 

Kommunizieren Sie präzise. Steigern Sie die Wirkung Ihrer Aussagen.

 

Auf eine gute Woche

Ihr und euer

Guido Quelle

Mandat Wachstums Wochenstart Nr. 673: Wie hoch ist die Mauer?

Viele Unternehmen sehen sich gerade in einer oder mehreren Zwickmühlen. Wollen wir uns um den Markt kümmern oder müssen wir uns mit weiteren behördlichen Auflagen beschäftigen? Soll in die Produktion investiert werden oder warten wir besser, was die neue Regierung hinsichtlich der Unterstützung der Wirtschaft beschließt? Es herrscht in vielen Unternehmen und in vielen Branchen eine hohe Unsicherheit. Anpacken wollen die meisten, aber wo? Und wann?

Ich schrieb es bereits in dem einen oder anderen Wachstums-Wochenstart: viele unserer Beratungsmandate drehen sich zurzeit um das Thema „Standortbestimmung“. Es geht dabei darum, sich in der Unternehmensführung, aber auch mit den führenden Mitarbeitern, größtmögliche Sicherheit darüber zu verschaffen, wo das Unternehmen gerade im Markt steht. Welche Annahmen haben wir? Was beobachten wir? Welche Schlüsse ziehen wir daraus?

Diese Mandate haben stets einen sehr erhellenden Charakter, denn wir bleiben nicht bei der Standortbestimmung stehen. Die reine Erkenntnis bringt etwas, aber das ist nicht genug. Der Rolle des Beraters kommt hier eine wesentliche Tragweite zu, denn es ist wenig hilfreich, wenn der Berater gemeinsam mit dem Unternehmen in aller Detailtiefe die Mauern beschreibt, die das Unternehmen umgeben und Gründe dafür findet, derenthalben diese Mauern nicht überschritten werden können. Die katalysierende Wirkung der Zusammenarbeit zwischen Berater und Klientenunternehmen entsteht dann, wenn wir gemeinsam durch die Windschutzscheibe nach vorn schauen, statt nur in den Rückspiegel zu sehen und wenn wir Lösungen für die Themen finden, die im Rahmen der Standortbestimmung als Bremsen erkannt wurden.

Einer unserer Klienten sagte vor einiger Zeit: „Der Klient braucht von einem Berater mehr als das, was gerade alle sagen“ und damit hat er recht. Erkenntnis ist das eine, Schlussfolgerungen, Aktivitäten, die sich das Unternehmen zutraut, daraus ableiten zu können und in die Umsetzung zu bringen, das ist das andere. Wir wollen doch Resultate erzielen und in dem Wort „Resultat“ steckt das Wort „Tat“. Wir müssen also etwas tun. Wir brauchen eine Lösung.

Nun sind nicht alle Leser des Wachstums-Wochenstarts aktuell mit Beratern daran, eine Standortbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten, aber die Regel gilt auch intern, denn auch intern werden ja Analysen durchgeführt, Annahmen getroffen, Schlussfolgerungen abgeleitet. Was ich Ihnen für diese Woche mitgeben möchte, ist: stoppen Sie Diskussionen, welche die Größe der Mauer, die Höhe der Mauer, die Materialbeschaffung der Mauer und die Gründe, derenthalben es unmöglich ist, die Mauer zu überwinden oder zu umfahren, so früh wie möglich. Irgendwann ist es genug der Beschreibung. Irgendwann müssen Taten folgen. Verwenden Sie 80 % der Zeit auf die Lösung und nur 20 % der Zeit auf die Analyse. Dann haben Sie Ihre Zeit wirksam eingesetzt.

Auf eine gute Woche

Ihr und euer

Guido Quelle

Mandat Wachstums Wochenstart Nr. 672: Die eine große Idee

Es gibt sie nicht. Okay, es gibt sie, aber es gibt sie selten, die „eine große Idee“. Die geniale Produktidee, der Durchbruch, der Game-Changer, das Warten darauf hat schon zu Millionen enttäuschter Erwartungen in zahllosen Unternehmen geführt.

Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit all den Durchbruchinnovationen, die es tatsächlich gegeben hat, das Absolute habe ich ja im Eingangssatz schon aufgehoben. Es bleibt dabei: Zu viele Unternehmen warten auf zu wenige Durchbrüche.

Aber es gibt etwas anderes: Es gibt den kontinuierlichen Prozess der Suche nach dem Besseren und – noch wichtiger – es gibt den kontinuierlichen Prozess der Suche nach dem anderen, nach dem Produkt, dem Prozess, der Dienstleistung, die nicht nur etwas ein wenig besser, sondern vieles anders machen.

Wenn wir wirklich etwas Großes schaffen wollen, dann ist die magische Formel dahinter das Kontinuierliche, wenn wir wirklich systematisch an der Zukunft unserer Unternehmen bauen wollen, dann ist der Erfolgsfaktor dahinter das verbindliche Dranbleiben.

Klingt langweilig? Mag sein, aber auch das iPhone, oft – auch von mir – als sensationelle Innovation hervorgehoben, war am Ende ein Resultat des Dranbleibens. Das große Bild vor Augen und immer weiter auf der Spur der potenziellen Kunden. Was ist der wesentliche Unterschied zu Mikroinnovationen? Es ist die Frage danach, was die potenziellen Kunden wohl brauchen werden, wie eine Unentbehrlichkeit aufgebaut werden kann, im Gegensatz zu der Frage, was die Kunden wollen würden. Wir alle hätten nicht artikulieren können, was wir wollen, weil wir uns gar keine Gedanken darüber hätten machen können, was alles möglich wäre.

Wenn Sie also auf der Suche nach Neuem sind, wenn Sie eine Kultur des Erneuerns und Verbesserns etablieren wollen, dann warten Sie nicht auf die eine große Idee, sondern machen Sie es sich zur Routine, dass permanent, buchstäblich jeden Tag daran gearbeitet wird, zu erneuern und zu verbessern. Das beschränkt sich im Übrigen nicht auf Produkte, Prozesse und Dienstleistungen, sondern es bezieht auch Ihr gesamtes Unternehmen ein.

Und wer weiß: Wenn diese Kultur sich erst einmal etabliert hat, dann kommt sie vielleicht von ganz allein, die eine große Idee.

Auf eine gute Woche!

Ihr und Euer

Guido Quelle

Mandat Wachstums Wochenstart Nr. 671: Fussgänger bitte drücken

Vor kurzem bin ich mit einem unserer Hunde auf die Reise gegangen, um unser Wohnmobil aus der Wartung abzuholen. Wir hatten einige Kilometer Fußweg zum Bahnhof zurückzulegen, sind mit drei Zügen gefahren und hatten dann noch einen Gang vom Zielbahnhof zum Wohnmobil-Händler, ebenfalls einige Kilometer. Wenn man bewusst zu Fuß durch den Straßen- und Stadtverkehr geht, entdeckt man allerlei, was man als Autofahrer gar nicht so wahrnimmt. So überquerten Banou – die Hündin, mit der ich unterwegs war – und ich einen provisorischen Fußgängerübergang, der mit einer Ampel gesichert war und dort war zu lesen: „Fußgänger bitte drücken“. Ich musste lachen: warum, um alles in der Welt, sollte ich hier Fußgänger drücken? Natürlich war mir bekannt, dass es darum ging, die Ampel zu betätigen, indem ein entsprechender Knopf zu drücken war, aber die Formulierung amüsierte mich köstlich.

 

Ich machte ein Foto von dem Schild und postete es auf einem sozialen Medium. Kurz danach schickte mir ein Follower ein Foto, auf dem das Schild „Motor bitte abstellen“ abgebildet war. Am Fuße der Stange, an welcher das Schild befestigt war, stand ein Motorblock. Ich habe laut gelacht. Warum, um alles in der Welt, soll man dort einen Motor abstellen?

 

Natürlich wissen wir alle, was gemeint ist. Sprache ist eine nicht nur komplexe, sondern mitunter, in all ihren Facetten, Redewendungen und Variationen, komplizierte Sache. Muttersprachler gehen mit ihrer Muttersprache virtuos um und wissen Redewendungen und verkürzte Anweisungen („Fußgänger: bitte drücken“ mit Pfeil wäre deutlicher gewesen) entsprechend einzuordnen. In einer anderen Sprache sieht das schon anders aus. „It’s raining cats and dogs“, diese Wendung für einen sintflutartigen Regen ist uns vielleicht noch aus dem Englischunterricht in der Schule bekannt, aber mit Katzen und Hunden hat das nichts zu tun. Und außerdem: warum Sintflut?

 

Die Sprache ist eines der wesentlichsten Elemente eines integrierten Miteinanders. Je besser wir eine Sprache beherrschen, desto mehr können wir Teil einer Gesellschaft sein. Besonders wichtig wird dies bei Internationalisierungsprojekten, denn der größte Fehler, der gemacht werden kann, ist der, dass plötzlich alle Beteiligten Deutsch sprechen. Meist einigt man sich auf Englisch, was dazu führt, dass sich fast alle nicht mehr im muttersprachlichen Raum bewegen. Je besser wir aber die gemeinsame Sprache beherrschen, desto besser werden die Projektergebnisse.

 

Wenn Sie also internationalisieren, dann widmen sie dem Faktor „Sprache“ Aufmerksamkeit. Dies gilt auch dann, wenn sie Mitarbeiter einstellen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Helfen Sie diesen Mitarbeitern dabei, zu erkennen, dass ein Wolkenbruch nichts damit zu tun hat, dass Wolken zerbrechen, dass ein Überhang nicht unbedingt etwas mit einem Berg zu tun haben muss und dass „Motor bitte abstellen“ nicht wörtlich zu nehmen ist.

 

Auf eine gute Woche

 

Ihr und euer

 

Guido Quelle