Mandat Wachstums-Wochenstart Nr. 754: „Saftladen!“
„Eins“.
„Neunzehnhunderteinundzwanzig.“
„Ja!“
Ich wende mich von meinem Whopper – natürlich mit Pommes, mit Mayo, mit Cola – ab und blicke auf. Es ist Mittag. Hier, im Burger King am Autohof, auf dem Weg nach Berlin, wollte ich eigentlich in Ruhe rustikal essen. Der Mann, der, Smartphone am Ohr, offenbar auf seine Bestellung wartend, durch den Speisebereich tigert, stört diese Ruhe (soweit man in einer solchen Location von „Ruhe“ sprechen kann). Offenbar spricht er mit einem Anrufselektionscomputer.
„Ja!“
„Ich möchte mit einer natürlichen Person sprechen.“
Pause. Ob es ihm gelingt, frage ich mich.
„Nein, weiterversuchen.“ Offenbar möchte sich niemand mit seinem Anliegen auseinandersetzen.
Pause.
„Nein, weiterversuchen, bis ein Mitarbeiter abnimmt!“ Der Computer drängt sich offenbar auf oder will einen Rückruf vereinbaren. Ich nehme wahr, dass der Gast zunehmend ungehalten wird und „fühle es“. Ich wende mich wieder meinem Burger zu. Das kann dauern.
Pause.
Ich blicke auf. Der durch den Raum tigernde Gast nimmt abrupt sein Smartphone vom Ohr, schaut ungläubig aufs Display. Offenbar hat der Computer ihn ausgeklinkt.
„SAFTLADEN!“
Ich muss mich beherrschen, nicht loszuprusten – auch im Burger King sollte eine gewisse Etikette erhalten bleiben –, schaffe das aber nur so gerade eben.
Was habe ich hinterher gelacht. Nein, nicht über den Herrn, der offenbar vergebens versucht hat, eine Werkstatt zu erreichen. Ich habe gelacht, weil ich das schon unzählige Male selbst erlebt habe, weil Sie das auch alle schon erlebt haben und weil dieser Vorfall zeigt, wie leicht es heute sein kann, sich zu differenzieren: Einfach einen Menschen ans Telefon, fertig.
Diese Situation zeigt auch, dass es ein Fehler ist, alles der Rationalisierung unterzuordnen. Man muss sehr genau aufpassen, wo man rationalisiert, das beachten wir auch in all unseren Beratungsmandaten zur Prozess-Effizienz, zur Rationalisierung, zur Steigerung der Produktivität: Nicht alles, was effizient ist, ist auch positiv für Kunden. Customer first? Für viele nur ein Lippenbekenntnis.
In der Gesellschaft entsteht zunehmend das Bild, dass man immer mehr bezahlen muss, um immer weniger Service zu erhalten. Die Annahme ist nicht unberechtigt, und es fallen diejenigen Unternehmen auf, die einen Unterschied machen.
Sie wollen sich differenzieren? Wo machen Sie im Kundenkontakt einen Unterschied?
Ach ja, warum ich lieber in ein Burgerrestaurant hineingehe, statt im Auto zu essen, das dürfte sich hiermit auch geklärt haben. Woher ich meine Geschichten nehme? Ich gehe vor die Tür.
Auf eine gute Woche!
Ihr und Euer
Guido Quelle

