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Mandat Wachstums-Wochenstart Nr. 737: Stille

Mindestens zweimal habe ich an dieser Stelle schon über unsere Begegnung mit dem Ensemble Modern im Rahmen unseres Seeon Summits geschrieben. Ich möchte gern noch einen Aspekt hervorheben.

Wir sprachen auch über Stille.

John Cage hat 1952 ein aufsehenerregendes Musikstück entwickelt, das am 29. August des Jahres uraufgeführt wurde und natürlich umstritten war. Das Stück heißt „4’33““ und es besteht aus …

… Stille.

Die „Abwesenheit beabsichtigter Klänge“, wie Cage es formulierte, also das reine Reduzieren auf Umgebungsgeräusche war natürlich ungewöhnlich. Wie konnte etwas, das ohne Musik auskam, als Musik eingeordnet werden? War das Provokation?

Das Stück ist 4 Minuten und 33 Sekunden lang – daher der Name  – und es wird auch heute noch aufgeführt.

Ich möchte mich heute aber nicht dazu einlassen, ob das nun Musik sei oder nicht, sondern ich möchte heute auf Stille hinweisen, weil sie in unserer Welt zu kurz kommt, ihr aber gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden kann. Wo erleben Sie heute noch Stille im Berufsleben? Vermutlich selten. Irgendwas ist immer. Das Telefon meldet sich, WhatsApps gehen ein, E-Mails gleichermaßen, irgendwer kommt ins Büro, ach noch schnell einen Börsenkurs nachsehen.

Das ist keine Stille.

Viele Menschen können Stille schlecht aushalten. Ich war noch nicht in einer Aufführung von „4‘33“, aber ich kann mir vorstellen, dass vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden für manche ganz schön lang werden können. Haben Sie mal bei einem Vortrag – im eigenen Unternehmen oder auf einer externen Bühne – geschwiegen? Länger? Probieren Sie das einmal aus. Es ist eine enorme Erfahrung. Meist kommt einem selbst das Schweigen viel länger vor als dem Publikum.

Kennen Sie einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Videocall und einem Meeting, abgesehen von den bekannten Vorteilen eines Meetings im Hinblick auf die dritte Dimension, der Befreiung aus dem „Nachrichtensprecherformat“, der Beweglichkeit im Raum und so fort? Ein wesentlicher Vorteil ist, dass man auch mal still sein kann in einem echten Meeting. Nein, nein, nicht einer, alle. Man kann einfach mal nachdenken. In einem Telefonat ist das fast unmöglich, da man das Gegenüber nicht sieht, aber auch in einem Videocall ist es schwierig. Stille ist aber wichtig zum Denken und Verarbeiten von Gedanken.

Ich nahm aus dem Workshop mit dem Ensemble Modern jedenfalls mit, mich mehr in und mit Stille zu üben. In manchen Fällen gelingt mir das ganz gut, in anderen Fällen weniger gut, aber das ist wohl normal. Ich glaube jedenfalls an die Kraft, die in der Stille entsteht. Gibt man der Fantasie ablenkungsfreien Raum, wird etwas daraus.

Auf eine gute Woche!

Ihr und Euer

Guido Quelle