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Mandat Wachstums-Wochenstart Nr. 742: Erkenntnisproblem oder Umsetzungsproblem?

Lange war ich der Auffassung, dass in der deutschen Politik vor allem ein Umsetzungsproblem herrsche, kein Erkenntnisproblem.

Für mich ist völlig klar, dass die viel zu hohen Energiepreise, die Implikationen der demografischen Entwicklung, die mangelhafte, wirtschaftlich vernünftige Verfügbarkeit von stabiler Energie, die Fehler in der Infrastruktur, die Situation unserer Bauwirtschaft und unserer Industrie und die inzwischen schier nicht mehr beherrschbare Vielzahl und Kompliziertheit administrativer und bürokratischer Vorgänge zwingend der Verbesserung bedürfen. Für mich war bis vor kurzem auch völlig klar, dass dies natürlich in der Politik erkannt ist und dass sich das Beheben der Missstände daher auf die Umsetzung bezieht. Dass dabei unterschiedliche Ansätze zum Tragen kommen, je nach parteipolitischer Richtung, ist Teil des demokratischen Prozesses, aber es gilt, anzupacken. Die Missstände sind erkannt. Dachte ich.

Schaut man genauer hin, wird manches, was (nicht nur in obiger Aufzählung) jeder vernünftig denkende Mensch als einen zu behebenden Missstand bezeichnet, nicht als ein solcher erkannt. Das Nicht-Handeln vieler Politiker und deren Reden sind anders nicht zu erklären. Inzwischen bin ich bei der Erkenntnis angelangt, dass wir in Teilen der Politik sehr wohl ein Erkenntnisproblem haben, nicht „nur“ ein Umsetzungsproblem. Die Ursachen dafür sind vielfältig und tragen dazu bei, dass wir mit Reformen viel langsamer vorankommen, als wir sollten und müssten.

Verlassen wir die Politik, denn Gleiches stellen wir auch in zahlreichen unserer Wachstumsinitiativen fest, die wir mit unseren Klienten auf die Erfolgsspur bringen: Manchen Mitarbeitern – mitunter sogar manchen Mitgliedern der Unternehmensführung! – ist gar kein Handlungsbedarf offensichtlich, zumindest kein dringender. Letzteres liegt oft in der Natur der Sache unserer Initiativen, denn unsere Klienten handeln oft vorausschauend, genau dann, wenn noch keine Dringlichkeit vorliegt.

Werden wir in einen Turnaround einbezogen, ist Eile geboten, die Wasseroberfläche muss schnell wieder erlangt werden. Es bedarf keiner großen Debatten, die Zahlen sind unbestechlich. Aber wie ist es, wenn es dem Unternehmen noch recht gut geht, wenn es noch funktioniert? Dann werden nicht selten Debatten eröffnet, ob ein weiteres Projekt denn jetzt wirklich notwendig sei, man führe doch gerade ein ERP ein, man müsse sich um KI kümmern und überhaupt: Das Tagesgeschäft ließe ohnehin schon keinen Spielraum. Und dann noch die Kosten für so ein Projekt. Nein, das ist jetzt nicht nötig.

In der Vergangenheit dachten wir oft, dass die Erkenntnis über ein Handlungserfordernis schon da sei, und dass wir nach dem Konzept „nur“ noch die Umsetzung begleiten müssten. Weit gefehlt. Erstens ist das Wörtchen „nur“ nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt, denn die Umsetzung ist meist aufwendiger als die Konzeption und zweitens haben wir in der Vergangenheit oft zurückrudern müssen, wenn wir auf Widerstand mangels geteilter Erkenntnis stießen. Auch die Unternehmensführung war davon oft überrascht.

Heute nehmen wir uns mehr Zeit darüber, eine gemeinsame Erkenntnis, eine gemeinsame Lageeinschätzung zu haben, das räumt erhebliche Steine aus dem Weg und bringt Veränderungen viel schneller und wirksamer voran.

Vielleicht ist dies ja auch ein Hinweis an unsere Politiker in Berlin.

Wie sehr stimmen Sie im Unternehmen bezüglich Ihrer Lage, Ihres aktuellen Standorts im Markt, überein?

Auf eine gute Woche!

Ihr und Euer

Guido Quelle

CEO-Tipp des Monats Oktober 2012: Erkenntnisproblem oder Umsetzungsproblem?

Erkenntnisproblem oder Umsetzungsproblem?
Achten Sie auf die Nuance.

Immer wieder stellen sich uns in unseren Beratungsprojekten ähnliche Situationen dar: Häufig liegen gute Wachstumsideen auf dem Tisch, sei es zu Innovationen, neuen Marktbearbeitungsoptionen, Akquisitionen, oder ähnlichem. Es wird an diesen Ideen beliebig lange diskutiert, gefeilt, justiert. Gremien werden einberufen, politische Spielchen werden ausgetragen, Charts werden erstellt, Powerpoint-Schlachten werden ausgefochten (wer kann mehr Text auf eine Folie bannen?), aber es wird keine Entscheidung getroffen.

Selbst dann, wenn eine Entscheidung getroffen wird, lehnen sich die Beteiligten häufig entspannt zurück, nach dem Motto „Geschafft, jetzt läuft es von allein“.
Weit gefehlt. Nichts läuft von allein. Unserer Beobachtung zufolge gibt es in vielen Unternehmen zu viele aktiv Zuwartende, die sich damit zufrieden geben, eine Entscheidung herbeigeführt zu haben, oder eine Entscheidung zur Kenntnis genommen zu haben. Zu wenige aber kümmern sich um die Durchsetzung dieser Entscheidung.

Warum ist dies so? Aus einer Vielzahl richtiger möglicher Antworten sticht eine besonders heraus: Die Umsetzung erfordert Aufmerksamkeit und zwar nicht nur punktuell, einmalig, sondern dauerhaft. Wachstum kann meist nur durch ein durchdachtes Projekt entstehen, was wiederum bedeutet, dass zusätzliche Arbeit bei einer bestimmten Gruppe von Mitarbeitern entsteht. Da Wachstum ein Thema der Unternehmensführung ist, ist auch auf dieser Ebene Aufmerksamkeit erforderlich.

Aufmerksamkeit aber kostet Zeit. Es handelt sich um Zeit, die nicht notwendigerweise „übrig“ ist, sondern um Zeit, die irgendwo herausgeholt werden muss. Was aber soll wegelassen werden? Irgendwie ist doch alles wichtig.

Überdies kommen quasi täglich neue Themen hinzu. Erschwerend: Die Aufmerksamkeit über eine längere Zeit aufrecht zu halten, fällt doppelt schwer. Wenn dann noch Kontrollaufwand erforderlich ist, der dadurch entsteht, dass das Wachstumsprojekt von jemandem geführt wird, der sich nur halbherzig damit identifiziert, ist der Erfolg zunehmend fraglich.

Die meisten Unternehmen, die wir kennen, haben kein Erkenntnisproblem. In den meisten Unternehmen, die uns begegnen – und dies gilt insbesondere für unsere Klienten, die allesamt wachsen wollen und dies nicht nur als Lippenbekenntnis äußern –, sind hochkarätige Mitarbeiter damit beschäftigt, ihr Tagesgeschäft professionell abzuwickeln und die mehr oder minder große Anzahl von Projekten zu führen, die parallel noch laufen. Diese Unternehmen leiden mitunter an einem Realisierungs-, einem Umsetzungsproblem. Sehr oft hören wir etwas, wie das Folgende: „Herr Quelle, wir haben eine tolle Mannschaft, wir haben großartige Ideen, aber wir brauchen jemanden, der mit uns die Themen methodisch durchdenkt und auf die Straße bringt, wir brauchen einen Kraftverstärker.“

Gehen Sie davon aus, dass Sie genügend Erkenntnisse im Hause haben, um ihr Wachstum voranzutreiben. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Kernengpass nicht die Mannschaft ist. Meist ist der Kernengpass, dass zu viele Themen gleich wichtig sind. Meist sind Prioritäten unklar oder die Prioritäten ändern sich. Oft wird ein Wachstumsprojekt unsauber aufgegleist, was teure und vor allem zeitintensive Nacharbeiten erfordert. Nicht selten verlaufen manche Spuren im Sande, weil sie die Aufmerksamkeit der Führungscrew auf andere Themen fokussiert.

Gehen Sie einfach davon aus, dass Sie, wenn Sie meinen, dass Dinge nicht vorangehen, ein Umsetzungsproblem und kein Erkenntnisproblem haben und investieren Sie Zeit mit Ihren besten Mitarbeitern, um genau dieses Problem zu lösen: Durch Prioritäten, durch gezieltes Weglassen, durch methodisch effektives Vorantreiben, durch einen realistischen Zeitplan, durch Nutzung bestehenden Know-hows.

Auf diese Weise werden Sie schlagartig effektiver.

Ihr Guido Quelle

(c) 2012, Prof. Dr. Guido Quelle, Mandat Managementberatung GmbH

Der CEO-Tipp des Monats ist Auszug aus dem monatlich erscheinenden Mandat Growthletter, der kostenfrei bezogen werden kann: Anmeldung

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